Zuhören. Reflektieren. Verändern.

Ungleichbehandlung hielt er lange für ein Thema vergangener Zeiten. Heute weiß Manuel Niederstätter: Sie ist aktueller denn je – und betrifft weit mehr als nur Geschlechterfragen.

Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern ist der Ausgangspunkt des Projekts GIRLS WANTED. „Für mich war die Ungleichbehandlung der Frau lange Zeit ein Thema aus dem letzten Jahrhundert. Aber in letzter Zeit – auch durch das Projekt – bekomme ich sehr viel mit und ich beobachte Situationen, die ich nicht in Ordnung finde“, sagt Manuel Niederstätter von der Niederstätter AG. Für ihn greift dieses Thema jedoch weiter. Ungleichbehandlung endet nicht beim Geschlecht – sie zeigt sich auch zwischen Kulturen, Generationen und sozialen Prägungen. Niederstätter ist es als Unternehmen ein Anliegen, Missstände sichtbar zu machen und aufzuzeigen, dass es bessere Wege gibt. Entscheidend seien respektvoller Umgang, gegenseitiges Zuhören und das Schaffen einer gemeinsamen Basis.

Gleichstellung: (k)eine Selbstverständlichkeit
Wenn der Container von GIRLS WANTED an öffentlichen oder branchenspezifischen Orten steht, beobachtet Manuel Niederstätter große Resonanz. Besonders beeindruckt hat ihn die Reaktion der eigenen Mitarbeitenden bei der internen Vorstellung des Projekts. Er spürt, dass die Mitarbeitenden zuhören – für ihn ein wichtiger, erster Schritt. „Man kann darüber reden und es wird anschließend auch darüber nachgedacht. Wir konnten damals definitiv Gedankenanstöße geben.“ Und die sind wichtig, denn gewisse Denkmuster sind tief verankert – das zeigt ein Erlebnis bei einem Händlertreffen im Ausland: „Ich wurde gefragt, ob Daniela meine Sekretärin sei. Ich musste richtigstellen, dass wir beide gemeinsam die Firma führen.“ Die Verwunderung war groß – auch angesichts dessen, dass das Unternehmen 1974 von einer 20-jährigen Frau gegründet wurde. „Er hätte es ja auch belächeln können, aber immerhin war ein aufrichtiges Interesse da.“

Im eigenen Unternehmen ist Gleichstellung selbstverständlich. Mit Daniela, Maria und Hildegard Niederstätter sind Frauen in Führungspositionen vertreten – Männer sind hier in der Unterzahl. „Das ist für uns Alltag und es ist so genau richtig“, sagt Manuel. Dass diese Konstellation außerhalb des Unternehmens noch keine Norm ist, wird durch GIRLS WANTED immer wieder bewusst. Darüber aktiv zu sprechen, hält er für notwendig.

Gleiche Chancen für alle
Die Baubranche sei nach wie vor stark traditionell geprägt, so Manuels Eindruck – wenngleich ähnliche Strukturen auch in anderen Branchen zu beobachten seien. Vorurteile kennt er aus eigener Erfahrung: Als er ins Unternehmen einstieg, wurde er häufig auf seine Rolle als „Sohn von …“ reduziert. Er versteht die Thematik also: „Mit dieser Ungerechtigkeit habe ich lange zu kämpfen gehabt, weil ich wusste, dass es so nicht hätte sein sollen.“ Gemeinsam mit Daniela brachte er einen anderen Führungsstil ins Unternehmen – moderner, dialogorientierter, offener. Mit einem starken Bezug zu Kunst und Kultur, aber auch zu gesellschaftsrelevanten Themen. Mit dem Projekt GIRLS WANTED setzt sich Niederstätter heute für Gleichstellung ein. Der Claim „Talent over Gender“ trifft für Manuel den Nagel auf den Kopf. „Aufgrund unserer Erziehung, unserer Kultur usw. haben leider nicht alle die gleichen Chancen – das zu ändern, ist unser Ziel: für Frauen, für junge Mitarbeitende, migrantische sowie italienischsprachige Mitarbeitende.“ Auf ein Niveau kommen, auf dem wirklich alle die gleichen Chancen bekommen – frei von Vorurteilen: Talent sollte alles sein, was zählt.

Niederstätter als Vorreiter?
Maria Niederstätter hatte damals als Frau in der Bauwirtschaft zweifellos eine Vorreiterrolle. Ob das Unternehmen diese Rolle weiterhin innehat, wird sich irgendwann zeigen. „Ich denke, das Ziel ist definitiv, dass wir diese Grundsätze vorantreiben: miteinander reden, sich gegenseitig zuhören, neutral die Kompetenzen, Eigenschaften und Stärken erkennen“, so Manuel. Den Mensch als Mensch sehen, frei von Vorurteilen: „Das möchten wir als Unternehmen fördern und auch ausstrahlen. So können wir uns gesellschaftlich und auch beruflich über die Dinge unterhalten, die wirklich wichtig sind.“

Wie möchte der Unternehmer nun selbst konkret handeln? Für ihn beginnt es mit dem Ansprechen von Situationen. Wenn ein Mitarbeiter einen sexistischen Kommentar äußert, sieht er sich in der Verantwortung: „Ich kann als Chef sagen: Das war nicht okay. So, wie du mit ihr gesprochen hast, passt mir das nicht. Dabei ist es egal, wie es gemeint war.“ Dass viele Männer glauben, dass solche Sprüche lediglich ein Scherz sind, führt Manuel darauf zurück, dass sie mit diesen Mustern aufgewachsen sind. „Die Herausforderung ist hier, die richtigen Worte zu finden, damit sie auch jemand annehmen kann. Ich kann nicht mit dem Finger auf jemanden zeigen und sagen: Du bist schlecht. Es muss andere Möglichkeiten geben.“ Entscheidend sei also die Art der Kommunikation. GIRLS WANTED wolle genau hier ansetzen: Dinge, die nicht in Ordnung sind, respektvoll ansprechen, damit Reflexion überhaupt erst möglich wird. Manuel Niederstätter sieht sich als Optimist: Ein Kommunikationsniveau zu erreichen, auf dem solche Gespräche selbstverständlich möglich sind, sei sein Ideal. „Vielleicht kann ich auf diese Weise meinen Teil zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern beitragen“, hofft Manuel, der diese Art der Gleichberechtigung als Startpunkt sieht, um auch noch andere Themenfelder verbessern zu können: Kultur, Herkunft, unterschiedliche Generationen. „Das möchte ich glaubwürdig und authentisch mittragen.“

Verinnerlichte Rollenbilder erkennen
Veränderung beginne früh – bei der Erziehung und bei dem, was man Kindern mitgebe. Dass dabei die eigene kulturelle Prägung häufig im Weg ist und wie tief Rollenbilder sitzen, erlebt Manuel Niederstätter auch privat als Vater dreier Kinder. „Ich freue mich immer, wenn sich meine Tochter für Dinge interessiert, die eher Jungs zugeschrieben werden. Umgekehrt tu ich mich hingegen schwerer.“ Diese Reflexion sei wichtig – und manchmal müsse er über sich selbst lachen. Warum empfinden wir es als Stärke, wenn Frauen Männerdomänen betreten, aber als ungewöhnlich, wenn Männer klassische „Frauenberufe“ wählen? „Vielleicht weil man immer im Hinterkopf hat, dass Jungs/Männer Stärke zeigen müssen und sogenannte ,Frauenberufe‘ nicht unbedingt mit Stärke assoziiert werden“, so Manuel. Dabei zeigt die Realität: So wie es Frauen in männerdominierten Branchen braucht, braucht es genauso Männer in sogenannten Frauendomänen.

Offenheit fördern
Ungerechtigkeit impliziert laut ihm auch immer eine Beschuldigung – und die sei schwierig anzunehmen. Dabei liegt in der Reflexion der eigenen Verhaltensweisen auch sehr viel Potential für die eigene Lebensqualität. Manuel Niederstätter ist daher überzeugt, dass es wichtig ist, vor allem die Vorteile eines Projekts wie GIRLS WANTED zu transportieren. Gesellschaftlicher Umbruch passiert nicht von heute auf morgen, doch man kann Impulse setzen. Gerade in technisch geprägten Branchen seien Frauen häufiger von Diskriminierung betroffen. Der Unternehmer glaubt, dass GIRLS WANTED hier regional und national wertvolle Impulse setzen und Bewusstsein schaffen kann – insbesondere für Menschen in Führungspositionen. „So können Unternehmen etwas dazu beitragen, dass Mitarbeitende besser und angenehmer miteinander umgehen.“

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